Der Schweinemord 1915 und seine Folgen

Ein kurzer Feldzug sollte es werden, und Weihnachten wollte man wieder zu Hause sein. Mit diesen Erwartungen zogen Anfang August 1914 die Heere des Deutschen Reiches nach Frankreich – und manche kamen auch kurz vor Weihnachten wieder nach Hause zurück, nur schrieb man jetzt das Jahr 1918.

Da mit dieser Kriegsdauer niemand gerechnet hatte, wurden vor Kriegsbeginn auch keine größeren Vorräte angelegt, von denen man hätte zehren konnte. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg konnte das Reich nur etwa 80 % der benötigten Nahrungsmittel selbst erzeugen; 20 % mussten importiert werden. Dies wussten vor allem die Briten mit einer See-Blockade zu verhindern. Man kann sich vorstellen, dass die vorhandenen Reserven schnell aufgebraucht waren, und die Bevölkerung an vielem sparen musste. Der Hunger breitete sich langsam, aber sicher im gesamten Reich aus.

Es wurde daher nach Möglichkeiten gesucht, die Ressourcen zu strecken und die Grundversorgung der Menschen sicher zu stellen. Durch eine Datenerhebung bei den Landwirten wurde festgestellt, dass die vorhandenen Futtermittel für einen Bestand von rd. 25 Millionen Schweinen nicht ausreichten, um diese ausreichend zu versorgen. Man vermutete daher, dass Getreide und Kartoffeln dem menschlichen Verzehr entzogen wurden, um diese Tiere zu füttern.

Die Statistiker folgerten daraus, dass nach Schlachtung von 5 Millionen Schweinen die eingesparten Ressourcen ausreichen würden, um die Bevölkerung deutlich besser ernähren zu können. Die Schlachtung wurde im ersten Quartal 1915 durchgeführt; in den nächsten Monaten traf es weitere 4 Millionen Tiere.

Für das Amt Till wirkte sich diese Schlachtung wie folgt aus:

Viehzählung per 1.12.1914

Gemeinde

Pferde

Rindvieh

Schafe

Schweine

Ziegen

Louisendorf

194

1.525

1

1.072

6

Gemeindeverband Schneppenbaum u.a.

173

1.675

2

2.778

257

Till-Moyland

218

1.757

25

1.029

80

Gesamt

585

4.957

28

4.879

343


Schweinezählung per 18.3.1915

(diese Daten durften, da Krieg herrschte, nicht veröffentlicht werden)

Gemeinde

Schweine 1.12.1914

Schweine 18.3.1915

Differenz in %

Louisendorf

1.072

695

-35,16

Gemeindeverband Schneppenbaum u.a.

2.778

1.698

-38,87

Till-Moyland

1.029

791

-23,13

Gesamt

4.879

3.184

-34,74

Wie Sie ja selbst wissen, hat manche Entscheidung die Auswirkung eines Rattenschwanzes – sie zieht immer weitere Entscheidungen nach sich, denn durch die Schlachtung
– wurde der Markt plötzlich mit sehr viel Fleisch überschwemmt,
– dieses konnte trotz erheblichem Preisverfall und damit einsetzendem höheren Konsum nicht sofort verbraucht werden,
– auch konnte die Masse an Fleisch nicht konserviert werden, da in der Heimat nur minderwertiges Blech zur Produktion von Konservendosen zur Verfügung stand. 

Das Fleisch verdarb daher in großen Mengen bis zum Frühjahr 1916. Zu diesem Zeitpunkt stiegen die Fleischpreise explosionsartig an, da sich die Landwirte mit der Produktion von Schweinefleisch zurückhielten, denn die geringen Erlöse deckten nicht mehr die Kosten, und durch die Abschlachtung der Schweine fehlte den Landwirten der Dung von 9 Millionen Tiere, um ihre Felder zu düngen. Kunstdünger war wegen der Seeblockade nicht mehr erhältlich; die Ernte 1916 fiel daher sehr schlecht aus. Teilweise waren Mindererträge von 50 % an der Tagesordnung.

Hieraus ist ersichtlich, dass sich die Versorgungslage durch diese Maßnahme nicht verbessert hatte. Im Gegenteil – der Mangel wurde immer schlimmer, insbesondere, da im Herbst 1915 die Kartoffelernte wegen der Kartoffelfäule nahezu ausfiel. Durch diese außerplanmäßigen Schlachtungen verschlechterte sich die Versorgung der Bevölkerung erheblich, und diese führte letztendlich zum "Steckrübenwinter" 1915/16. Proteste der Bevölkerung verhallten ungehört und wurden teilweise gewaltsam niedergeschlagen. In diesem und in den Folgejahren verhungerten rund 800.000 Menschen im Deutschen Reich.

Hausschlachtung vor 1945
Hausschlachtung vor 1945

In Kleve nahm sich im Mai 1916 der Kreisausschuss des Problems an. Er forderte die Gemeinden auf Gegenmaßnahmen zu ergreifen. In Folge dessen fasste am 6. Juni 1915 der Gemeinderat in Hau folgenden Beschluss:

Der Gemeinderat bewilligte den kleinen Leuten, die nicht in der Lange waren, in dieser teuren Zeit das Geld für die Anschaffung und Fütterung eines Schweines zu beschaffen, ein Darlehen unter folgenden Bedingungen:

Das Darlehen war in beliebigen Raten zurückzuzahlen bis zur Schlachtung der Tiere. Ohne Genehmigung der Gemeinde durfte das Schwein nicht verkauft oder geschlachtet werden. Das Schwein war gegen Rotlauf zu impfen und zu versichern. Falls das Darlehen bis zu Schlachtung nicht abgezahlt war, hatte der Darlehensnehmer in Fett oder Speck den Rest des Darlehens abzutragen. Mittellosen wurde eine Startbeihilfe von 5 Mark bewilligt. Die Entscheidung über die Bewilligung dieser Beihilfe stand allein dem Bürgermeister Felix Roeloffs zu.

Wie hoch die Darlehen dotiert waren ist nicht bekannt. Der Monatslohn eines Mitarbeiters im Amt Till lag damals bei rund 120 Mark, der Amtsbote erhielt 90 Mark brutto im Monat. Die Beihilfe von 5 Mark kann daher nicht als geringfügig angesehen werden. Ob die Maßnahme geholfen hat, ist zu bezweifeln. Insgesamt dürfte die Hungersnot in unserem Bereich aber nicht so groß wie in den Städten gewesen sein, weil hier die meisten Menschen eigenen Grund und Boden besaßen und darauf Gemüse und Kartoffeln zum Verzehr anbauen konnten.

Ein ähnliches oder gleiches Programm lief auch in der Bürgermeisterei Till. Dort wurden an Bedürftige insgesamt 660 Mark ausgezahlt. Der Kreiskommunalverband bezuschusste dieses Projekt mit 330 Mark.

Beitrag: Peter Thomas

Quelle:
Gemeindearchiv Bedburg-Hau: MB 4, BT P04, BT 698

Literatur:
http://www.deutschlandfunkkultur.de/der-schweinemord-von-1915-als-die-wissenschaft-eine.993.de.html?dram:article_id=332117, 29.07.2017