Die zerschlagenen Eier des Johann Beeker

"8 Blickwinkel" (Originaltitel: Vantage Point) ist ein Thriller aus dem Jahr 2008 des Regisseurs Pete Travis mit Dennis Quaid in der Hauptrolle. Gezeigt wird ein Attentat auf den US-Präsidenten in der spanischen Stadt Salamanca aus den Perspektiven von Agenten, Touristen und eines TV-Produzenten. Der Titel des Filmes ist etwas irreführend, denn insgesamt wurde er nur aus 6 Perspektiven erzählt.

Eine Neuerfindung, ein Ereignis in dieser Form darzustellen, ist das jedoch nicht, wie das nachfolgende Beispiel aus unserer Gemeinde aus dem Jahre 1906 plastisch aufzeigt (es fehlten nur die Kameras). Auch hier wird aus 6 Blickwinkeln berichtet und Sie können hieran deutlich ersehen, wie vorsichtig man mit Zeugenaussagen umgehen muss.

Die ganze Geschichte spielt sich am Bahnübergang Kalkarer Straße/Bahnlinie Kleve-Goch ab. Beteiligt waren an dem Unfall eine Kutsche und ein Automobil. Von diesem gab es im Jahre 1906 im gesamten Gemeindebezirk nur ein Stück! Es befand sich im Eigentum des Barons Nikolaus Adrian Steengracht van Moyland zu Moyland und hatte das Kennzeichen Z 7009. Weiterhin war nur noch der Rentmeister des Rittergutes Moyland, J.A.G. van Reekum, motorisiert, denn er nannte ein Motorrad sein eigen.

Damit Sie sich von der Unfallumgebung ein Bild machen können, habe ich einen Kartenauszug vom Beginn des 20. Jahrhunderts beigefügt, auf dem der Bahnübergang genau zu erkennen ist.

Bahnübergang auf der Kalkarer Straße in Qualburg

 

 

 

 

 

Die Bahnlinie wurde 1863 eröffnet und die jetzige Bundesstraße 57 wurde 1841 fertiggestellt. Es wird wohl kaum jemanden in unserer Gemeinde geben, der diese Straße und diesen Bahnübergang nicht kennt. Da sich seit dem Unfalljahr nichts gravierendes in der Straßen- und Schienenführung geändert hat, können Sie die Situation an diesem Sommertag gut nachvollziehen.

 

Zu dieser Zeit übliche Probleme.

Lassen wir doch einfach die damals Beteiligten in wörtlicher Übertragung der alten handschriftlichen Protokolle zu Wort kommen. Dabei wurde auch die zu dieser Zeit übliche Rechtschreibung übernommen; nur die Interpunktion wurde zum besseren Verständnis an wenigen Stellen dem heutigen Gebrauch angepasst.

 

Aussage 1: Verhandelt Moyland, den 30. Juli 1906

Es erscheint aus eigener Veranlassung der Käter Johann Beeker aus Louisendorf Nr. 125, 66 Jahre alt, und erklärt:

Den vergangenen Samstag-Vormittag, am 28. des Monats, etwa gegen 9 Uhr befand ich mich mit meiner Chaise auf der Provinzialstraße nach Cleve fahrend kurz vor dem Bahnübergang der Cleve-Gocher-Eisenbahnstrecke, etwa noch 70–80 Schritte davon entfernt, als plötzlich hinter mir her ein Automobil gefahren kam. Ich hörte es erst im letzten Augenblick heransausen, wollte noch herausspringen, um das Pferd zu halten, was mir jedoch nur eben gelang. Gleich darauf aber saß ich mit meinem Wagen im rechten Chausseegraben.

Ob das Automobil meinen Wagen gestreift hat, kann ich nicht sagen, jedenfalls zeigte sich nach dem Fall, daß die Achse meines Wagens verbogen, der Kasten darauf schief und überhaupt der ganze Wagen wie aus allen Fugen gerissen war.

Das Automobil war auch an der rechten Seite an mir vorbeigefahren, es hatte der Fahrer desselben kein Signal abgegeben. Wie ich nun mit meinem Wagen nach rechts in den Graben kam, kann ich nicht sagen, möglicherweise bin ich eben an der rechten Seite gestreift worden.

Durch den Sturz des Wagens wurden mir etwa 100 Eier, die ich mitführte, entzwei geschlagen, gleichfalls wurden einer Frau, die mit mir fuhr namens Witwe Vermöhlen aus Bedburg wie ich glaube, Eier beschädigt, welche sie ebenfalls mit auf den Wagen genommen hatte.

Als ich später nach Cleve kam, traf ich bei dem Rasen- bzw. Blumenplatz, der Wirtschaft Verweyen gegenüber, ein paar Leute, welche auf einen Handwagen Rietmatten geladen hatten und die schon länger dort gestanden hatten.

Da ich nun selbst die Nummer des Automobils nicht gesehen hatte, noch die Frau, welche mit mir fuhr, noch die Eisenbahnbediensteten, welche von den Wärterhäuschen an der Eisenbahnüberführung den Unglücksfall mit angesehen hatten, fragte ich die Leute, ob sie die Nummer des Automobils nicht gelesen hätten. Die Leute sagten, das Automobil habe die Nummer 147 C gehabt, ihre Namen gaben sie an, es waren Jakob Meissing und Friedr. Wilh. Classen aus Cleve.

Gleich darauf traf ich den Ackergehilfen Wilhelm Eberhard aus Schneppenbaum auf Rolandshof. Denselben kannte ich. Und auch er, der von Qualburg mit dem Wagen gleichfalls nach Cleve kam, sagte, das Automobil habe die Nummer 147 C gehabt, es muß ein offener Automobilwagen gewesen sein, zwei Herren sollen darin gesessen haben.

Weitere, wie die angegebenen Schäden, habe ich nicht erlitten.

Johann Beeker

 

Aussage 2: Verhandelt Moyland, den 2. August 1906

Vorgeladen erscheint die Witwe von Everhard Vermeulen, geb. Mar. Kath. Theisen aus Schneppenbaum 90, 60 Jahre alt, und erklärt zu dem durch ein Automobil am 28. vorigen Monats bei Qualburg verursachten Wagenunfall des Johann Beeker aus Louisendorf Folgendes:

Die von Beeker angegebene Zeit, der Ort und der geschilderte Unfall sind wahrheits- gemäß. Berichtigend muß ich jedoch bemerken, daß der Automobilführer noch ein Signal abgegeben hat und zwar zweimal kurz hintereinander. Doch war er beim ersten Mal vielleicht nur etwa noch 10 Schritte hinter uns von uns entfernt. Das Fahrzeug war so schnell darauf neben und an uns vorbei, daß Beeker, wie er auch aussagte nicht mehr rechte Gelegenheit hatte, herab zu springen und das Pferd ordentlich am Kopfe festzunehmen, denn dieses, durch das plötzliche Vorbeisausen des Automobils scheu geworden, ging rückwärts und mit dem Wagen, in dem ich noch drin saß, und mit mir in den rechten Chausseegraben hinein. Beeker machte mir noch Vorhaltungen, daß ich nicht auch noch schnell aus dem Gefährt herausgesprungen war.

Doch ich war durch die durch das Automobil verursachte Verwirrung so erschreckt worden, daß ich fast ganz die Besinnung verloren hatte und um Hülfe schrie. Auf das Hülferufen kamen 4 oder 5 Leute von dem nahen Eisenbahnblockhäuschen heran und halfen uns. Wer die Leute gewesen sind, kann ich nicht sagen. Nachdem wir uns von dem Schrecken einigermaßen erholt und aus dem Graben wieder herausgearbeitet hatten, fuhr Beeker allein weiter nach Cleve.

Kurz vor Cleve ging ich jedoch zu Leuten, die ich kannte, namens Roos (Käter), um mich gänzlich zu erholen. Der Wagen des Beeker mag an einzelnen Teilen verbogen worden sein, jedoch wohl nicht allzu sehr. Beeker mochte wohl 60 – 80 Eier in seinem Korb mitgefahren haben, ich hatte 16 Stück Eier bei mir, von denen nur 2 ganz geblieben waren. Das Automobil, dessen Nummer auch ich nicht gesehen habe, fuhr doch vielleicht nicht in so übermäßig schnellem Tempo, daß allein dadurch das Scheuwerden des Pferdes verursacht worden ist. Es war wohl mehr das plötzliche unerwartete und unangemeldete Erscheinen desselben, welches den Unfall herbeiführte. Das Automobil hatte rote Farbe, ich hörte später, daß drei Personen drin gefahren haben sollen.

Weiter kann ich nichts aussagen.

Unterschrift Frau Vermöhlen

 

Aussage 3: Verhandelt Moyland, den 4. August 1906

Vorgeladen erscheint der Ackergehilfe Wilhelm Eberhard aus Schneppenbaum

Nr. 49 und erklärt zu dem Automobilunfall am 28. des vorigen Monats:

Ich befand mich mit der Hebamme Strössner aus Schneppenbaum in meinem Tilbury etwa 400 – 500 m hinter der Chaise von Wilhelm Beeker (Anmerkung des Autors: Tilburys und Chaisen sind leichte, einachsige Kutschen). Die Strössner machte mich darauf aufmerksam, daß das Pferd der Chaise vor uns gescheut hatte und zwar vor dem Automobil, welches gerade auch an uns in nicht zu übermäßigem Tempo vorbeigefahren war. Ich sah so mit halbem Auge, daß die Nummer des Automobils die Ziffern 4 links und 7 rechts hatte.

Als ich später erfuhr, daß ein Automobil die Nummer 147 C gehabt hatte, welches dieselbe Straße wie wir nach Cleve hineingefahren war, nahm ich nach meiner Wahrnehmung an, daß es dasselbe Automobil gewesen war, welches an uns vorbeigefahren war.

Ich habe nicht gesehen, zu welcher Seite es an der Chaise von Beeker vorbeigefahren war, auch habe ich nicht wahrgenommen oder darauf geachtet, ob es Signal gegeben hat oder nicht, als es sich der Chaise Beekers näherte; ferner weiß ich nicht welche Farbe es hatte. Es saßen aber wohl 2 Herren und der Führer in dem Automobil.

gez. Wilhelm Eberhard

 

Aussage 4: Verhandelt Moyland, den 7. August 1906

Vorgeladen erscheint die Hebamme Katharina Strössner aus Schneppenbaum 52 I und erklärt über den Automobilunfall am 28. Juli d.J. vernommen:

Das Automobil, dessen Nummer ich nicht gesehen habe, fuhr in langsamen Tempo an dem Tilbury, in dem ich mit dem Ackergehilfen Wilhelm Eberhard saß, vorbei. Der Kraftwagen fuhr ganz leise, er gab kein Signal ab, bevor er an uns vorbeikam. Er überholte uns an der rechten Seite. Ich sah dem Automobil nach und sah, als es in der Allee vor dem Bahnübergang bei einer Biegung meinem Blick entschwand, wie gleich darauf eine Chaise rückwärts an jener Stelle und in den Graben zur rechten Seite hineinfuhr, weil offenbar das Pferd der Chaise durch den Kraftwagen scheu geworden war.

Es saßen nur 2 Leute in dem Automobil, es war ein offener Wagen. Der eine der Personen hatte eine weiße Mütze auf. Nachher um Mittag etwa fuhr ich mit einem anderen Wagen zurück. Da kam dasselbe Automobil ebenfalls wieder von Cleve daher gefahren. Ich erkannte es wieder, es saß auch derselbe eine Herr drin mit der weißen Mütze. Da sah ich nun, daß die Ziffer der Nummer des Automobils an der äußersten linken Seite eine „7“ war und bemerkte noch zu dem Ackerer Johann Strack, mit dem ich fuhr, daß das Automobil vom Morgen also doch nicht die Nummer 147 gehabt haben könnte. Ich glaube, daß die Personen im Automobil von Cleve, jedenfalls nicht von weither waren, denn einmal waren sie nicht darauf angetan, eine größere Automobiltour zu machen, sodann kam mir auch der eine Herr, ein kleiner Dicker, bekannt vor.

Das Automobil hatte schwarzgraue Farbe und bot nur Raum für 2 Personen. Ich glaube bestimmt, das Automobil des Mittags wieder erkannt zu haben.

gez. Katharina Strössner

 

Jetzt wird es für den Bürgermeister schwieriger, denn die weiteren Zeugen wohnen nicht in seinem Bezirk, sondern – wie er annimmt – in Kleve. Für Kleve ist aber eine andere Polizeiverwaltung zuständig, die er dann auch um Amtshilfe bittet. Aber von dort kommt die böse Nachricht, dass alle Zeugen außerhalb von Kleve wohnen. Also wieder alles von vorne. In Kellen wird er endlich fündig, zwei der fünf benannten Zeugen wohnten dort und konnten befragt werden:

 

Aussage 5: Verhandelt Kellen, den 6. September 1906

Nach Vorladung erscheint der Bahnwärter Peter Pütting aus Kellen und erklärt:

Ich habe den in Rede stehenden Unfall beobachtet.

Bevor das Automobil den Wagen erreichte, hatte es laut Zeichen gegeben. Soviel ich gesehen habe, wurde der Wagen nicht gestreift. Im Augenblick, als das Automobil an demselben vorbeifuhr, scheute das Pferd und setzte rückwärts in den Graben, durch die Schwenkungen, die es dann noch machte, kann die Achse verbogen und überhaupt der Wagen beschädigt sein. Bei dem Zurücksetzen in den Graben fiel ein Korb Eier zur Erde, doch waren diese Eigentum der mitfahrenden Frau. Als die Frau ich kann wohl sagen genug bewußtlos den Wagen verließ, stieß sie einen Korb Eier um welcher dem Beeker gehörte, denn derselbe verlangte von der Frau Entschädigung. Ich gab der Frau noch Aufklärung, daß sie hierzu nicht verpflichtet sei, vielmehr der Bauer der sie zum Mitfahren eingeladen habe, sei für ihren Schaden verantwortlich.

Daß das Automobil übermäßig schnell fuhr, kann ich nicht sagen.

gez. Peter Pütting

 

Aussage 6: Verhandelt Kellen, den 15. Sept. 06

Weiterhin erscheint der Bahnarbeiter Johann Bruns und erklärt nach Vorhalt:

Im Augenblick, als der Wagen in den Graben fuhr, habe ich den Aufprall nicht gesehen. Ein Signal habe ich nicht gehört.

Im Uebrigen mache ich die Aussagen des Pütting auch zu den meinigen und bemerke noch, daß nach meiner Ansicht der Bauer die Frau in seiner Wut noch geschlagen hätte, wenn wir nicht hinzu gekommen wären.

gez. Bruns

Bericht: Peter Thomas

 

Quelle:
Gemeindearchiv Bedburg-Hau, BT 606

Literatur:
https://de.wikipedia.org/wiki/8_Blickwinkel
, 27.10.2017
http://de.wikipedia.org/wiki/Chaise#/media/File:Ringriden_Ljussens_1.JPG, 26.10.2017
https://de.wikipedia.org/wiki/Stanhope_(Kutsche), 26.10.2017
https://www.tim-online.nrw.de/tim-online/initParams.do;jsessionid=33823AF8E0AC7B5E01D0F0847FA04927.217, 31.12.2017

P.S. Ein netter Artikel zu Pferd und Auto ist in der Gartenlaube von 1906 erschienen:
http://www.urlaubsspass.de/auto/110607-schlechter-witz/110607-schlechter-witz.htm, 26.10.2017